Praxissemester im Land der aufgehenden Sonne
Leben und Lernen in einem Land zwischen Mythos und Moderne
 

Verbeugungen richten sich im wesentlichen nach beruflicher Position und Alter. Selbst für Japaner, die sich das erste Mal treffen, ist dieses Begrüßungsritual nicht so einfach. Und es liegt an der japanischen Höflichkeit, daß das Erlernen für einen Nicht-Japaner schwierig ist. So wollte ich anfangs gerne etwas mehr über das richtige Verhalten bei Begrüßung und Verabschiedung erfahren und habe deshalb meine Betreuer gefragt, ob ich mich richtig verhalten habe. Dabei bekam ich immer zur Antwort, daß ich alles richtig mache. Mit der Zeit wurde mir bewußt, daß man glaubte, man würde mich kritisieren oder eventuell sogar verletzen, wenn man mein Verhalten korrigiere. Diese Höflichkeit und harmonische Umgangs-weise ist mir stets sehr positiv aufgefallen. Zunächst erzählte mir der Abteilungsleiter etwas über die Firmengeschichte, über Produktbereiche, Verkaufszahlen usw.
Vom Chefingenieur bekam ich dann meine Aufgabe vorgestellt. Ich sollte ein Zwischenfrequenzmodul für Mobilfunk-Handys beginnend von der Spezifikation bis hin zur Serienreife entwickeln. Damit wurde mir eine hochinteressante und zugleich herausfordernde Aufgabe zuteil, quasi an der "Front der Entwicklung". Ich wurde in der Abteilung einer Arbeitsgruppe zu-geordnet und hatte drei direkte Ansprech-partner, die relativ gut Englisch konnten. So unterhielt ich mich in der Firma vorwiegend in Englisch. Im Laufe der Zeit merkte ich, daß sowieso ein Großteil der Fachwörter aus dem Bereich der Elektronik im Japanischen vom Englischen übernommen wurde. Der Arbeitstag begann täglich um 8.30 Uhr. Vorher warten die Mitarbeiter an Ihrem Platz, bis dann pünktlich die Morgenparole über Lautsprecher ertönt.

 
Dazu erhebt man sich, um danach mit einer allgemeinen Verbeugung "ohayo gozaimasu" (Guten Morgen) auszurufen. In Japan fühlt man sich in der Firma ganz wie zu Hause. Das zeigt sich schon daran, daß man gewöhnlich seine Straßenschuhe gegen gemütlichere Hausschuhe tauscht. Zum einheitlichen Erscheinungsbild der Firmenangehörigen gehört auch eine Art Arbeitsuniform, die bei Toko im wesentlichen aus einer hellbraunen Uniform-Jacke bestand. Im Sommer wurde diese Jacke durch eine dünnere, hellblaue Weste eingetauscht. Sehr auffällig war für mich auch die Anordnung der Schreibtische innerhalb der Abteilung, worin sich die hierarchische Struktur widerspiegelte. Die innerbetriebliche Stellung richtet sich übrigens im wesentlichen nach der Zahl der Dienstjahre und dem Alter der Arbeitnehmer. Dieses Senioritätsprinzip verdeutlicht einerseits die japanische Grundhaltung, die Erfahrung des Alters hoch zu bewerten; andererseits werden individuelle Leistungen nicht gefördert. Der wesentliche Vorteil dieses Prinzips ist, daß der Ältere sein Fachwissen und die über die Jahre erworbenen Erfahrungen ohne Be-denken an den Nachwuchs weitergibt. Die Gefahr, sich durch Nichtweitergabe fachlichen Wissens Vorteile im beruflichen Fortkommen zu schaffen, besteht hier nicht. Auch hat die innerbetriebliche Ausbildung, bei der die älteren Mitarbeiter ihr Wissen an die jüngeren weitergeben, einen hohen Stellenwert. Den Arbeitsprozeß als solchen empfand ich bei weitem nicht so hektisch, wie man aufgrund der bei uns verbreiteten Vorurteile erwartet. Die typische Mahlzeit während der 40minütigen Mittagspause bestand immer

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